Till Rachold
01.
Inspiriert von der puristischen und gleichermaßen ausdrucksstarken Porträtfotografie eines August Sander und einer Frida Riess experimentiere ich aktuell mit einer alten Großformat Plattenkamera, die in etwa aus der Ära meiner Vorbilder stammt. 18 x 24cm beträgt hierbei, die im Vergleich zum Kleinbild- und Mittelformat, gigantische Größe der einzelnen Negative, die nach erfolgter fotochemischer Entwicklung im reinen Kontaktverfahren auf entsprechend große Barytpapiere ausbelichtet werden. Diese Art der Fotografie fordert den Protagonisten einiges ab; namentlich zum einen dem Fotografen in der präzisen Handhabung der archaischen Techniken, sowie zum anderen dem Porträtierten einiges an Geduld und Konzentration auf bewegungsloses Verharren während der mitunter langen Belichtungszeiten. Beides führt jedoch auch zu einer Intensität der Sitzungen, die sich zumeist in jener eingangs erwähnten Ausdrucksstärke der Porträts widerspiegelt. >
02.
Im Frühjahr/Sommer 2014 hatte ich erstmals über meherere Wochen die Gelegenheit das Leben von Menschen mit geistiger und körperlicher Mehrfachbehinderung in zwei verschieden Wohnstätten zu dokumentieren. Im Rahmen eines Fotoprojekts, welches in einer Gemeinschaftsausstellung unter dem Titel „Homestories“, 2017 und 2018 an verschiedenen Orten präsentiert wurde, ging es darum, diesen Menschen, die aufgrund ihrer Einschränkungen nicht für sich selbst sprechen können und kaum in der Lage sind am urbanen gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, ein Gesicht zu geben.
Der Facettenreichtum und die Authentizität jener Charaktere führte dazu, dass ich mich über die Jahre immer wieder – und zuletzt vor allem im betreuten Wohnen mit besonderen Menschen auseinandersetzte. In Planung ist aktuell in diesem Zusammenhang ein inklusives Porträtprojekt. >
2022 brachte ich in Zusammenarbeit mit dem Künstlerforum Remagen den Bildband „between the lines“ heraus. Die Bilder handeln von Melancholie, Leidenschaft und Vergänglichkeit. Sie erzählen von sehr persönlichen Begegnungen und Momentaufnahmen, die über zwei Jahrzehnte entstanden sind. Das Buch, das analoge und digitale Fotografien vereint, sollte mit seinem aufeinander bezugnehmenden Wechsel aus spontanen Momentaufnahmen, obskuren Stillleben, melancholischen Landschaftsaufnahmen und (teil)inszenierten Porträts eine Hommage an die humanistische Fotografie im Allgemeinen darstellen und einen Spannungsbogen aufbauen, der den geneigten Betrachter auch zwischen den Zeilen lesen lässt. Nachdem das Künstlerforum Remagen seine leider nur kurz andauernde Verlagstätigkeit wieder aufgegeben hatte, kann das Buch nach wie vor auf Anfrage über mich bezogen werden. >
Pilgerwege in Spanien boomen. Zumeist konsumverwöhnte Menschen aller Herren Länder, jeglichen Alters und aller sozialen Schichten machen sich aus den unterschiedlichsten Beweggründen, zu Fuß auf den beschwerlichen Weg nach Santiago de Cpmpostelle und weiter bis ans „Ende der Welt“. das Cap Finisterre. Fasziniert von dem egalitären Charakter dieser Massenwanderungen, begab ich mich zunächst im Herbst 2014 mit meiner Kamera auf den Camino del Norte um ein wenig von dieser „spirituellen“ Atmosphäre einzufangen. Acht Jahre später machte ich mich erneut auf den Weg. Diesmal ging es den Caminho Portugues da Costa, überwiegend an der portugiesischen Küste entlang und auch dieses mal traf ich auf unterschiedlichste Menschen in urwüchsigen Landschaften. Jedoch hatte die Anzahl der Wanderer nach meinem Eindruck überproportional zugenommen, was sich in überfüllten Wegen und rar gewordenen freien Plätzen in den kirchlichen und kommerziellen Übernachtungsherbergen widerspiegelte. So erinnerten mich die Pilger zuletzt eher an von existentiellen Ängsten und Sorgen geplagte Menschen, die dem Alltagsstress doch eigentlich entfliehen wollten. >
05.
Ich kenne kaum jemanden in meinem Umfeld, der Ostende etwas abgewinnen kann. Viele sehen darin nur trashige Kurzurlaube am Meer oder den früheren Transitort für die Überfahrt nach England. Doch Ostende erzählt eine facettenreiche Geschichte, sichtbar in Architektur wie der Pferderennbahn, dem Strandboulevard mit Säulengang und einigen noch gut erhaltenen Jugendstilvillen. König Leopold II machte es im 19. Jahrhundert zum Kurort der Schönen und Reichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg prägt vor allem eine Plattenbauweise die Strandpromenade. In den letzten 20 Jahren kam durch zahlreiche Investitionen ein weiterer fast anarchistisch anmutender Bauboom, der Büro-, Hotel- und Luxuswohnungen hervorbrachte. Das maritime Flair in Kombination mit dem widersprüchlichen Stadtbild aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft berührt mich seit jeher – wie eine einzigartige Melancholie, die Jochen Schimmang in seinem Buch „Mein Ostende“ sehr gut beschreibt. Mein Ziel ist es, dieser Melancholie fotografisch Rechnung zu tragen – vor allem immer dann, wenn ich Ostendes Ruf folge und mir mal wieder eine Auszeit am Meer gönne. >